Trend Cargobike Sharing – Teil I: TINK macht Schule

Cargobike Sharing ist schwer im Kommen. Das Projekt TINK und die Integration von Cargobikes in öffentliche Fahrradverleihsysteme sind Thema im ersten Teil einer dreiteiligen Artikelserie.

 

Christine Haß (Stadt Norderstedt), Marco Walter und Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönbornder aus Konstanz mit Verkehrsstaatssekretär Norbert Barthle. © Dirk Michael Deckbar/Event Consult GmbH

Gold für Cargobike Sharing! Keiner jubelte auf der Bühne des Nationalen Radverkehrskongress in Mannheim so schön wie Marco Walter. Der Projektleiter der Transportrad Initiative Nachhaltiger Kommunen – TINK nahm am 3. April zusammen mit Stadt Konstanz und der Stadt Norderstedt den Deutschen Fahrradpreis in der Kategorie Service entgegen.

Mit insgesamt 52 Cargobikes (jeweils 26 in Konstanz und Norderstedt) ist TINK das bisher größte Cargobike Sharing Projekt in Deutschland. Es wird bis Juli 2018 vom Bundesverkehrsministerium als Forschungsprojekt aus Mitteln des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) gefördert. Ende Juli 2016 startete der stationsbasierte und vollautomatische Verleihbetrieb. Lokale Betreiber sind Nextbike in Norderstedt und der Cargobike-Händler Fahrradspezialitäten in Konstanz. Zum Einsatz kommen ein- und mehrspurige Cargobikes des Herstellers Bakfiets.nl – bisher ausschließlich ohne E-Antrieb.

Nextbike App mit TINK-Cargobikes in Norderstedt

Im dichten studentischen Konstanz übertraf die Nutzung der TINK-Räder alle Erwartungen. Nach elf Monaten gab es Ende Juni 2017 bereits 3.034 registrierte Nutzer*innen, 8.619 Ausleihen und insgesamt 20.265 Nutzungsstunden. Das sind ab Start weg und trotz technischer Herausforderungen über zwei Nutzungsstunden pro Cargobike und Tag. Im suburbanen Norderstedt mit längeren Strecken und keiner Studentencommunity ist die Nutzung deutlich verhaltener. Ab Frühjahr 2018 sollen dort zusätzlich 15 eCargobikes mit induktiver Lademöglichkeit hinzukommen. Interessant in Norderstedt ist auch die vollständige Integration der TINK-Cargobikes in das bestehende öffentliche Fahrradverleihsystem von Nextbike.

Eine solche Integration von Cargobikes ist ab 2019 auch für das große Hamburger StadtRad vorgesehen. „Lastenräder […] sollen im Portfolio des zukünftigen Anbieters enthalten sein„, heißt es im rotgrünen Koalitionsvertrag von 2015. Auch die RADstrategie des Landes Baden-Württemberg postuliert: „Zunehmend werden auch Pedelecs und Lastenräder in Verleihsysteme integriert.“ Die grüne Bundestagsfraktion fordert ein Bundesprogramm für „2.000 Verleihstationen mit insgesamt 10.000 Lastenrädern“ und beim Start des neuen Fahrradverleihsystems von Nextbike in Berlin sagte der zuständige Staatssekretär Kirchner laut Berliner Zeitung: „Wir brauchen auch ein Nextcargobike“.

TINK on Tour. Foto: TINK/Nathalie Niekisch

Das Thema Integration von Cargobikes in öffentliche Fahrradverleihsysteme ist politisch also bereits gesetzt. Jetzt braucht es Kommunen, die es erfolgreich umsetzen. Dafür hat das TINK-Projekt  im November/Dezember 2016 mit TINK on Tour geworben. Marco Walter und seine Kollegin Nathalie Niekisch sind auf zwei TINK-Projekträdern in zwei Wochen 1.000 Kilometer von Konstanz nach Norderstedt gefahren und haben unterwegs in zehn Städten TINK präsentiert. Eine der Stationen war Mannheim. Im nahen Heidelberg kündigte Ende Juni nun eine Informationsvorlage für den Gemeinderat an:

Die Stadt Heidelberg strebt an, das bestehende VRNnextbike-Fahrradverleihsystem mit Lastenrädern zu erweitern [….] Die Beantragung von Haushaltsmitteln ist für den Doppelhaushalt 2019/2020 vorgesehen.

Bei diesen Ankündigungen stellt sich langsam auch die Frage, welcher Hersteller eigentlich das erste speziell für öffentliche Fahrradverleihsysteme entwickelte Cargobike auf den Markt bringen wird? Auch hierzu gibt es eine interessante Info in dem Dokument aus Heidelberg:

Nextbike ist derzeit dabei, ein eigenes Lastenrad für den Einsatz als Mietfahrrad zu entwickeln. Dieses wird voraussichtlich im Sommer 2018 zur Verfügung stehen.

Das wird spannend! Ob andere Anbieter von Fahrradverleihsystemen oder etablierte Cargobike-Hersteller nachziehen? Im französischen Grenoble entschied man sich derweil für diese dreirädrigen Cargobikes des dänischen Herstellers Nihola. Die ersten davon sind nun ins kommunale Fahrradverleihsystem Métrovélo integriert – eine Premiere in Frankreich.

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Demnächst geht es weiter:

  • Teil II: Die Freien Lastenräder
  • Teil III: carvelo2go und Donk-EE

Editorische Anmerkung: Ich freue mich darüber, als Mitglied im Beirat das TINK-Projekt von privilegierter Stelle aus beobachten zu können. Ins operative Geschäft bin ich allerdings nicht involviert – Fragen dazu direkt an info@tink.bike.