
Kinder- und Jugendbücher spiegeln wider, welche Themen in einer Gesellschaft verhandelt werden und was wir den jüngeren Generationen vermitteln wollen. Die Art und Weise, wie wir mobil sein wollen, ändert sich. Neue Vorbilder entstehen, Charaktere werden diverser, klassische Vorstellungen revidiert. Unser Mitarbeiter Hinnerk Beetz hat sich viele Kinder- und Jugendbücher angeschaut und anläßlich des Internationalen Kinderbuchtag 2026 eine alphabetisch sortierte Liste mit Empfehlungen aktueller Bücher erstellt.
1: Alles Arbeit oder was?! (2021)

Zugegeben: Fahrradmobilität spielt in Alles Arbeit oder was?! (40 Seiten; Beltz & Gelberg) von Mieke Scheier nur eine kleine, untergeordnete Rolle. Das Thema „Arbeit“ ist schließlich richtig, richtig groß! Dennoch ist es erfreulich zu sehen, welch Selbstverständlichkeit z. B. Lastenräder in diesem Sachbilderbuch bekommen. Sie werden sowohl als Transportmittel auf dem Weg zur Kita/Schule/Arbeit, als auch im Arbeitskontext selbst gezeigt. Das Velotaxi ist ein Beispiel für einen Arbeitsplatz unter vielen anderen. Der Postboote mit seinem Postfahrrad schafft es gleich auf drei Seiten. Auf der Straße fällt der Detailreichtum der filigranen Fahrräder und ihrer Fahrer:innen gegenüber den anonym und klotzig gezeichneten Autos auf (siehe Titelbild des Artikels). So sind sie kompositorisch betrachtet gleichwertig. Nur bessere Radinfrastruktur wäre noch schön…
Es gibt natürlich viele weitere Kindersachbücher über Berufe, in denen ebenfalls Fahrräder als Arbeitsmittel gezeigt werden, aber dieses ist besonders liebevoll illustriert und zeigt so einige Situationen, die auch Erwachsene zum Schmunzeln und Nachdenken bringen können. Nicht umsonst wurde es auf der Leipziger Buchmesse 2022 mit dem EMYS-Jahrespreis für Kinder- und Jugendsachbücher ausgezeichnet.
2: Boah, was für ein Fahrrad!? (2025)

In der Welt der Popkultur werden häufig Autos kräftig in Szene gesetzt (James Bond, Fast & Furious, Cars,…). Selten passiert das mit Fahrrädern. Der Film E.T. ist so eine Ausnahme und hatte in den 1980er Jahren einen ordentlichen Anteil am BMX-Boom. Cool, dass es mit Boah, was für ein Fahrrad!? (2025; ab 4 Jahren; 40 Seiten; Ankerwechsel) vom Hamburger Streetart-Künstler Krashkid (Caspar David Engstfeld) nun ein Buch gibt, das vielleicht genau hier anknüpft und ein individuelles Fahrrad quasi zum identitätsstiftenden Must-have hochstilisiert.
Loki will sich ein eigenes Fahrrad bauen und trifft auf allerhand coole, sympathische und inspirierende Charaktere – wie z. B. „Boom-Box-Benjamin“, „Selma-Super-Sport“ oder „Ultra-Ulli“. Alle sind Fahrrad-Enthusiast:innen mit sehr kreativ gebauten (bzw. vom Illustrator ausgedachten) Fahrrädern und unterstützen Lokis Vorhaben auf ihre individuelle Art und Weise. Wie wird wohl am Ende Lokis Fahrrad aussehen?
Das knallbunte Buch ist eine innovative Mischung aus Kindercomic und Bilderbuch und war in der Kategorie „Beste Illustration“ für den Deutschen Kinderbuchpreis 2025 nominiert.
Tipp: Wer ein Buch mit inspirierenden Real-Life-Individualist:innen sucht: Das Easy Rider Roadbook (2023; 192 Seiten; Hatje Cantz) vom Museum der Subkulturen dokumentiert Fahrradkultur und einige selbstgebaute Fahrräder.
3: Das Fahrrad: Vom Hochrad bis zum E-Bike (2016)

Das Fahrrad: Vom Hochrad bis zum E-Bike (48 Seiten; Gerstenberg) von Haseop Jeong und Seungyeon Cho ist ein gelungener Mix aus Sach- und Kinderbuch mit übersichtlichen Exkursen in die Geschichte und Technik des Fahrrads. Es ist schon ein paar Jahre alt, verschafft aber weiterhin einen guten Überblick. Eine Doppelseite zeigt verschiedene Lastenräder – darunter den klassischen Long John von SCO und ein E-Bullitt mit dem Schriftzug „Ich ersetzte ein Auto“ – ergo ein Testrad aus dem gleichnamigen, 2012-2014 durchgeführten Forschungsprojekt.
Das Buch erschien 2013 zunächst in Korea. Für die deutsche Übersetzung und die fachliche Einarbeitung ins Thema Fahrrad erhielt Mina Arnoldi den Sonderpreis Neue Talente beim Deutschen Jugendliteraturpreis 2018.
4: Fahr Rad (2024)

Ein sehr ausführliches Fahrrad-Sachbuch für ältere Kinder ab 10 Jahren ist Fahr Rad (120 Seiten; Karl Rauch Verlag) von Ondřej Buddeus – mit warmen und farblich intensiven Illustrationen im Graphic-Novel-Style von Jindřich Janíček.
BMX, Bonanzarad, Faltrad, Fixie, Gravelbike, Handbike, Hollandrad, Kinderrad, Kunstrad, Lastenrad, Mixte, Mountainbike, Radballrad, Randonneur, Rennrad, Tallbike, Tandem,… Das Sachbuch deckt große Teile von Fahrradmobilität ab. Lücken gibt es vielleicht bei Spezialrädern (unterschiedliche Liegeräder) oder bei der weiteren Unterteilung von Lastenrädern (Short John, Long John, Longtail, Midtail, Lowtail,…), aber diese sind zu vernachlässigen. Das Buch bietet Hintergrundwissen und unterteilt die Informationen in drei große Themenbereiche: „Das Ding namens Rad“, „Rad und Körper“ und „Landschaft, Stadt und Welt“. Es ist anspruchsvoller als andere Bücher dieser Liste und bleibt sicherlich lange interessant.
5: Das große Fahrradfest (2018)

Jede Menge Tiere auf Fahrrädern gibt es in Das große Fahrrad-Fest (ab 4 Jahren; 40 Seiten; Gerstenberg) von Alison Farrell. Im eher einfach gezeichneten, wuseligen Wimmelbuch werden die unterschiedlichen Charaktere mit ihren individuellen Rädern bei einer Fahrrad-Parade durch die Stadt begleitet. Die Inspiration zum Buch holte sich die Illustratorin laut eigener Aussage direkt aus ihrem Umfeld in der amerikanischen DIY-Bike-Szene. Sie lebt in der Fahrradstadt Portland und besitzt selbst mehrere Fahrräder – darunter ein Longtail. Auf einer Seite im Kinderbuch hat sie zwei Lastenräder gemalt, die sehr stark an den Modellen Mixtehaul und Smallhaul von Frances Cycles angelehnt sind.
Apropos Frances Cycles: Velo City: Bicycle Culture and City Life (2018; 256 Seiten; gestalten) beeinhaltet ein 10 Seiten langes Portrait des Rahmenbauers aus dem kalifornischen Santa Cruz, sowie ein Essay zum Thema „The Origins and Rennaissance of the Cargo Bike“.
6: Heute fährt das kleine … Pferd! (2023)

Heute fährt das kleine … Pferd! (30 Seiten; Carlsen) von Dunja Schnabel ist ein Sprachlernbuch, das mit ständigen Wiederholungen arbeitet und so kleine Kinder ab 2 Jahren zum Mitsprechen animiert. Neben immer länger werdenden Satzketten bietet das Buch – während einer Lastenrad-Fahrt durch die Landschaft – noch ein paar Details zum Entdecken. Für Groß und Klein ist es angenehm kurzweilig und unterhaltsam. Fahrrad fahren wird hier ganz groß mit Spaß verbunden.
„Heute“ sagt das kleine Pferd, „bin ich das Pferd, das Fahrrad fährt.“ Da freut sich das große Pferd, dass das kleine Pferd das große Pferd im Fahrrad fährt.
7: Hier wird gebaut! (2019)
Ein besonders detailreiches Wimmelbilderbuch haben Doro Göbel und Peter Knorr mit ihrer Wimmelbilder-Geschichte Hier wird gebaut! (16 Seiten, Beltz & Gelberg) geschaffen. Auf einem Grundstück mitten in der Stadt – welches zunächst von einer Gebrauchtwagenhändlerin genutzt wird, die anschließend auf öffentlichen Nahverkehr umschwenkt – entsteht ein generationsübergreifendes Mehrfamilien-Wohnprojekt mit Café im Erdgeschoss. Die autogerechte Quartiersplanung wird revidiert und Flächen, die vorher noch als Parkplatz dienten, entsiegelt. Am Ende entsteht eine durchgrünter und attraktiver Kiezblock, der Raum für Kinder bietet, die vorher zwischen Autos gespielt haben. Die Aufenthaltsqualität ist für alle enorm gestiegen. Die Frage ist offensichtlich: Wieviel kostbaren Raum wollen wir eigentlich Autos zur Verfügung stellen?
Lastenradfreund:innen dürften sich zudem über folgende Details freuen: Die Menschen fahren auch im Winter bei Schnee – hier sind eindeutig die Modelle Urban Arrow Family und Winther Kangaroo Luxe zu sehen. Ein Lastenrad in der gewerbliche Nutzung gibt es beim Maler Klexl. Er fährt ein Dreirad mit Neigetechnik, das dem Butchers & Bicycles MK1 gleicht. Ein Mensch aus dem im Nachbarhaus neu eröffneten Gemüseladen ist ständig mit unterschiedlichen Fahrrädern unterwegs: Mountainbike mit Anhänger, Liegerad, Longtail, Rennrad, … auf den letzten beiden Seiten liefert er schließlich Gemüse mit einem Bullitt ähnlichen Long John aus.
8: Ich kann Rad fahren: Meine Omi auch (2025)

Conny lernt es. Max, Lotta und Leo Lausemaus auch. Sowie Bobo Siebenschläfer – dessen Familie besitzt sogar ein Lastenrad. Kasimir zeigt derweil Schrippe, wie ein platter Reifen repariert wird.
Ein aktueller Vertreter aus dieser ganzen Ich-lerne-Sparte ist Ich kann Radfahren: Meine Omi auch (44 Seiten; von Hacht Verlag) von Gilles Baum. Das Besondere an diesem Buch: Nicht nur das kleine Schwein lernt Fahrrad fahren, sondern es überzeugt im Anschluss auch Omi aufs Rad zu steigen. Die anfangs streng gezeichnete Großmutter strahlt im Laufe der Geschichte zunehmend mehr Lebensfreude aus. „Omi, das ist Radfahrglück!“ Im Hintergrund sind viele kleine und große Schweine auf Fahrrädern unterwegs: Rennrad-Schweine, Hipster-Bike-Schweine, Tandem-Schweine, Lastenrad-Familien-Schweine, … nur Auto-Schweine – die gibt es hier nicht.
9: In die Kita, fertig, los! (2026)

In die Kita, fertig, los! (40 Seiten; Gerstenberg) zeichnet den Weg in die Kita als temporeichen Start in den Tag. Der sprachlich hervorragende und lustige Text von Cornelia Boese kommt in Form eingänglicher, dynamischer Reime. Julia Dürr – die in der Fahrradstadt Münster studiert hat – illustrierte jede Seite mit viel Witz und Liebe zum Detail. Die bei Kindern verbreitete, morgendliche Aufregung und wuselige Stimmung wird gut eingefangen. Die einzelnen Charaktere (divers und geschlechtergerecht aufgestellt) sind allesamt verschieden mobil: Sie kommen im Fahrrad-Anhänger, vorne im Long John (ist das ein muli?), hinten auf dem Heck des Longtails (eine in Kinderbüchern noch recht selten vertretene Bauform), mit Roller, zu Fuß (so viel zu entdecken!), auf Schultern, mit Bus oder Auto („So ein schöner langer Stau!“), mit dem Boot oder auf dem Pferd (oder war es doch nur ein Stofftier?). Das Buch bietet eine erfrischende Perspektive auf die Frage, wie vielfältig und abwechslungsreich Mobilität mit Kindern sein kann.
10: Komm mit in die Welt von Morgen! (2025)

Komm mit in die Welt von Morgen (48 Seiten, EMF) von unserer Beirätin und Mobilitätsexpertin Katja Diehl und der Illustratorin Emily Claire Völker ist eine Geschichte über Mobilität, Klimagerechtigkeit und Miteinander in der Zukunft. Wir begleiten das Kind Hope, das in einer nahen Zukunft lebt und uns zeigt, wie wir umweltbewusster und menschengerechter miteinander leben könnten: Die Stadt ist grün. Die Straßen sind verkehrsberuhigt. Kinder spielen auf der Straße. Die Menschen leben in Gemeinschaft, fahren mehr Fahrrad, nutzen öffentliche Verkehrsmittel und recyclen. Infoboxen liefern immer wieder Erklärungen oder Zahlen und Fakten zu einem Sachverhalt. Es gibt viele Lastenrad-Darstellungen: Hopes Mami Lara ist mit einem gelben Modell unterwegs, das an das Hamburger Mini-Cargobike YOONIT erinnert (Katja Diehl wohnt ebenfalls in Hamburg). Auch Streek und Le Petit Porteur haben es im Buch in die Zukunft geschafft. Welch schöne und inspirierende Utopie, in der Hope lebt.
11: Lucky Luke sattelt um (2019)

Lucky Luke Comics fliegen sicherlich in vielen Kinder- und Jugendzimmern rum. Anlässlich des 70. Geburtstag der Comicfigur entstand eine Reihe von Hommagen. Dazu gehört auch Lucky Luke sattelt um (64 Seiten; Egmont) vom Berliner Comic-Zeichner Mawil. Eher durch Zufall landet Lucky Luke im Sattel eines Drahtesels und muss im Laufe des Comics den nordamerikanischen Kontinent durchqueren. Die Geschehnisse rund um den Cowboy führen gar dazu, dass sich die Erfindung des Sicherheitsniederrads gegen das damals vorherrschende Hochrad durchsetzen kann. Der Comic ist flott und strotzt vor Gags. Neben Konflikten mit dem sich vernachlässigt fühlten Jolly Jumper sind es oft Kleinigkeiten, die Fahrradfahrende gut kennen (z. B. die vom Sattel durchgeriebene Jeans). Es ist ein Comic, der Spaß am Rad fahren weckt.
2021 hat Mawil während der 24-Stunden-Comic am Wannsee Challange noch ein Lastenrad-Comic gezeichnet. Als Comic für Erwachsene sei hier wiederum Der Trip (2021; 112 Seiten, Jaja Verlag) von Nozomi Horibe empfohlen.
12: Mats fährt ans Meer (2026)

Praktische, kompakte Lastenrad-Lektüre für unterwegs, sowie Kinderbuch zum kleinen Preis (1,25 €) – das ist Mats fährt ans Meer (24 Seiten; Carlsen) von Simone Nettingsmeier. Das kleine Heftchen aus der aktuellen Reihe 307: Pixi unterwegs mit Bus und Bahn handelt von einem Kind, das mit der Mutter zunächst mit der Bahn und dann weiter mit einem Leih-Lastenrad an den Strand fährt. Eine kleine Vogel-Rettungsaktion ergänzt die Handlung und erhöht die gefahrene Distanz im Lastenrad. Das Buch ist schnell durchgelesen. Mats erlebt einen tollen Tag! Leih-Lastenräder gibt es übrigens an vielen Küstenorten (einige findet ihr in unserer Übersicht). Schön, dass das auch mal in einem Kinderbuch thematisiert wird.
Übrigens: Die Kombination Strand und Lastenrad gibt es auch in Unser Tag am Meer (2025; Bohem). Auf der Buchrückseite platziert die niederländische Illustratorin Noëlle Smit dezent die kleine Bonus-Erzählung, wie Kinder, Hund, Decken, Picknick-Korb und Sonnenschirm überhaupt zum Strand an- und abreisen – nämlich in der Box eines Long Johns. Und apropos Niederlande: Im Atlas der Städte (2020; Midas) von Miralda Colombo und Ilaria Faccioli gehören Lastenräder selbstverständlich zum Stadtbild von Amsterdam (und Kopenhagen) dazu.
13: Modern Cyclists (2023)

Modern Cyclists: Erscheinungsformen einer innigen Beziehung (160 Seiten; Favoriten Presse) von Jakob Hinrichs – mit einem Vorwort des Mobilitätsjournalisten Ingwar Perowanowitsch – ist wohl eher ein Bilderbuch für Erwachsene als ein Kinderbuch. An den übertriebenen Zeichnungen können sich zwar durchaus auch Kinder erfreuen, der Witz basiert jedoch häufig – wie auch bei den Cycling Cartoons von Dave Walker – auf Insiderwissen. Das Buch frönt Stereotype, kategorisiert Fahrradfahrende in 55 verschiedene Typen und vergibt Fähigkeitspunkte in acht verschiedenen Themenfeldern. Welcher Typ bist du? Speed-Queen? Wutradler? Sonntagsfahrer? Oder einer der 7 unterschiedlichen Typen auf Lastenrädern?
Ein ähnliches Projekt verfolgt der Illustrator Nicolas Journoud in den Niederlanden mit seiner Serie Of Bikes And Men.
14: Rund ums Rad (1975)

Nanu. Ein „Klassiker“ in dieser Liste? Ja. Das mit Unterstützung des Deutschen Museum in München entwickelte Sachbilderbuch von Ali Mitgutsch ist ein durchaus interessantes Zeitdokument – jedoch mit einigen aus der Zeit gefallenen Darstellungen. Auf 48 Seiten zeigt Mitgutsch allerhand zusammenhängende Erfindungen „Rund ums Rad: Von Karren, Kutschen und schnellen Kisten“, Rollschuhe, Züge, Laufräder, Tretmotorwagen (aktive Mobilität), diverse Fahrräder: 4-Personen-Tandem, Bonanzarad, Rennrad, Kinderrad, Clownsrad, Longmook and Strief Monowheel,… nur leider kein Lastenrad! Es war zu der Zeit wohl bereits zu sehr von den Straßen verdrängt bzw. noch nicht wiederentdeckt (das erste Christiania Bike wurde 1984 gebaut). Auch BMX-Räder und Mountainbikes fehlen, da diese erst Ende der 1970er Jahre erfunden wurden.
Bemerkenswert ist bei dem Buch: Die Erfindung des Autos ist weniger glorifizierend als z. B. in modernen Bildersachbüchern. So beinhalten Das schönste und größte Bildwörterbuch der Fahrzeuge (Tom Schamp; 2023; 48 Seiten; Gerstenberg) oder Fahrzeuge (Maria Brzozowska; 2024; 48 Seiten; DK Verlag) zwar durchaus Doppelseiten mit Fahrrädern – jedoch werden die Bücher insgesamt sehr stark von Autos dominiert. Ali Mitgutsch schenkt der „Benzinkutsche“ vergleichsweise wenig Platz und kritisiert gar Lärm, Abgase und Protzgehabe. Für die Zukunft des Stadtautos prophezeit er die Antriebswende und zeichnet ein kleines Modell mit Elektro-Motor (!). Die 1973er Ölkrise wird hier wohl mitgewirkt haben.
Wem Ali Mitgutsch dennoch zu altbacken ist: Ein aktuelleres Buch zum Thema Mobilität ist Alles in Bewegung: Wie wir von A nach B und die Dinge zu uns kommen (Söhnke Callsen und Lena Steffinger; 2022; 94 Seiten; Beltz und Gelberg).
15: Sommer auf der Fahrradinsel (2024)

In den 1990er Jahren schrieb und zeichnete Jean-Jaques Sempé eine Hommage ans Fahrrad: Das Geheimnis des Fahrradhändlers (1996; 112 Seiten; Diogenes). Wie stark sich die Welt jedoch weitergedreht hat, zeigt Sommer auf der Fahrradinsel (40 Seiten; Mairisch Verlag) von Ariane Pinel. Beide vereint die Liebe zum Fahrrad und ihr Talent, mit wenigen Strichen sehr liebevolle und ausdrucksstarke Charaktere zeichnen zu können. Doch während Sempé’s Buch reich an Nostalgie-Elementen ist (Setting, Klamotten, Anspielung an den Fotografen Henry Cartier-Bresson,…) und eine Männerfreundschaft in den Mittelpunkt stellt, so bilden die Protagonistinnen im Buch von Pinel einen deutlich jüngeren, diverseren, peppigeren, wilderen, aufmüpfigeren, und einfach viel moderneren Kontrast dazu.
Zoë besucht in den Sommerferien ihre Cousine Louise auf einer Insel, auf der es keine Autos gibt und alle Fahrrad fahren. Davon angefixt, ist Zoë bei der Rückkehr frustriert, weil ihre Mobilität auf dem Festland anders aussieht. Plötzlich ist Rad fahren gefährlich?! Zoë will Veränderung. Als sie auf eine Youtuberin trifft, bekommt die Geschichte einen Plot-Twist mit Augenzwinkern: Innerhalb kürzester Zeit entsteht die Utopie einer fahrrad- und menschenfreundlicheren Welt. Über so viel Reichweite kann Uli Uhu (Grüße nach St. Gallen) derweil nur staunen!
16: So schnell wie der Wind (2020)

So schnell wie der Wind (48 Seiten; kleine gestalten) von Joan Negrescolor erzählt mit kurzen Texten und einem grafisch sehr ansprechenden Zeichenstil die Geschichte der Radsportikone Alfonsina Strada. Anfang des 20. Jahrhunderts war die sogenannte „Königin der Pedale“ eine sehr erfolgreiche Radrennsportlerin und überwand dabei Geschlechtergrenzen. Sie war und ist die erste und bislang einzige Frau, die entgegen aller Regeln am berühmten und prestigeträchtigen Fahrradrennen Giro d’Italia teilnahm (1924). Ihre Geschichte ist zweifelsfrei empowernd und inspirierend. Es kann Kinder motivieren „so schnell wie der Wind“ fahren zu wollen.
Übrigens: Die Verbindung „Fahrradsport + kunstvolle Illustration“ gibt es ebenfalls im geographisch sortierten Sammelsorium Alles (2018, Prestel) von Marc Martin: Neben Fahrrad-Rikschas (Neu-Dehli) und Messenger-Bikes (New York) zeigt es einen riesen Pulk von Rennradfahrenden bei der Zieleinfahrt der Tour de France (Paris).
17: Wieso? Weshalb? Warum? Band 50: Alles über den Straßenverkehr (2022)

Mehr Bestandsbeschreibung als Utopie gibt es im Verkehrserziehungsbuch Alles über den Straßenverkehr (16 Seiten; Ravensburger), welches von der Verkehrswacht empfohlen wird. Dabei ist Band 50 das lange überfällige Update von Band 5: Pass auf im Straßenverkehr (1997; 16 Seiten; Ravensburger). Allein die Wortwahl im Titel signalisiert vollzogenen Wandel. Das neue Cover zeigt nicht mehr nur ein Auto, sondern auch ein Fahrrad (ein Lastenrad!) sowie Grünfläche. Im Buch selbst ist Straßenverkehr weniger kinderfeindlich als im Vorgänger. Gefahrensituationen werden nachvollziehbar erklärt. Der Anteil von Fahrradmobilität ist im Vergleich zum Vorgänger stark gewachsen. Es gibt sogar ein Lastenrad, bei dem das Regenverdeck hochgeklappt und in die Kabine geschaut werden kann. Die Personen sind im Buch diverser dargestellt und spiegeln so eher unsere bunte Gesellschaft wieder. Apropos: Im Junior Band 80: Mein erstes Fahrrad (2026; 16 Seiten; Ravensburger) bietet der Hauptcharakter Sichtbarkeit und Identifikationsmögichkeit für PoC-Kinder.
Es ist erfreulich zu sehen, dass zunehmend mehr Fahrradvielfalt in Kinder- und Jugendbüchern dargestellt wird. Fahrradmobilität wird als Thema zunehmend anders vermittelt als noch vor wenigen Jahren. Bis zur Mobilitätswende im Bücherregal ist es allerdings noch ein weiter Weg.
Kennt ihr mehr liebevoll illustrierte Bücher, die Fahrradmobilität zeigen? Unser Mitarbeiter Hinnerk Beetz freut sich über Tipps. Schreibt ihn gerne an! Des Weiteren empfiehlt er die tolle Liste mit Fahrrad-Kinderbüchern auf Lastenrad Tuning und ein Interview mit Daniela Becker auf Futuremoves mit dem Titel „Die Autodominanz beim Spielzeug ist symptomatisch“.
