Kindertransport mit dem CargobikeIm Berliner Tagesspiegel polemisierte Björn Seeling im Juni 2019 gegen Cargobikes, die sich vermeintlich besten Gewissens auf Gehwegen in Prenzlauer Berg breit machen.

Das Cargobike ist ein Symbol der Verkehrswende. Dafür wird es auf cargobike.jetzt gefeiert. Doch das Cargobike wäre ein schlechtes Symbol wenn es keine Kritik provozieren würde – von bissigen Polemiken bis zu plumper politisch-ideologischer Ablehnung. In einer vierteiligen Serie präsentiere und kommentiere ich bemerkenswerte Cargobike-Kritiken aus dem Jahr 2019.

Teil 1: Rollende Ungetüme

Am erschien der Kommentar „Rollende Ungetüme – Lastenräder sind belastend!“ im Berliner Tagesspiegel. Autor Björn Seeling polemisiert über Cargobikes im Stadtteil Prenzlauer Berg:

Von der Manövrierfähigkeit rangieren die Fahrzeuge irgendwo zwischen Sattelschlepper und Flugzeugträger. Aber trotzdem tun die meisten Nutzer so, als säßen sie auf einem Kinderdreirad.

Hauptantriebskraft dabei sind natürlich das eigene gute Gewissen und das schlechte der Mitmenschen. […] Wer will schon was dagegen sagen, dass die Palette fair gehandelter Mandelmilch nicht mehr wie früher im Kofferraum des SUV zum trauten Baugruppenheim kutschiert wird? Und überhaupt: Was ist schon ein deutsches Verkehrsschild gegen den grönländischen Eisschild?

Trotzdem sei der Hinweis erlaubt, dass die Rettung der Welt mit dem Lastenrad noch viel schöner wird, wenn sie nicht zulasten der Fußgänger geht. […] Bürgersteige sind für Bürger da. Sonst hießen sie ja Kneipensteige, Hundesteige, Baustellensteige – oder eben Lastenradsteige. 

[zum vollständigen Beitrag im Tagesspiegel]

Wo der Autor Recht hat

Trotz aller Polemik: Die Verbreitung von Cargobikes darf natürlich nicht zulasten von Fußgänger*innen gehen! Mehr Platz für den Radverkehr inklusive Cargobikes und Fahrradanhänger muss zulasten des Autoverkehrs geschaffen werden. Es liegt an der Politik, Verkehrsregeln und Infrastruktur entsprechend zu ändern. Unabhängig davon gilt für alle Radfahrenden: Rücksicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer*innen nehmen und Fahren auf Gehwegen ist verboten (es sei denn es wird ein eigenständig fahrendes Kind begleitet)!

Das Parken von Fahrrädern auf Gehwegen ist dagegen erlaubt. Doch vor allem dort wo es eng wird sollten Cargobikes am Fahrbahnrand parken – das ist kein Privileg der Autos! Ob auch „normale“ Fahrräder weiterhin am Fahrbahnrand parken dürfen oder ob die Bundesregierung sich mit einem Parkverbot für „normale“ Fahrräder am Fahrbahnrad durchsetzen wird entscheidet sich im Februar 2020 im Bundesrat. Hoffen wir auf publizistische Unterstützung von Björn Seeling im Tagesspiegel!

Cargobike-Kritik aus schlechtem Gewissen

Der Satz „Hauptantriebskraft dabei sind natürlich das eigene gute Gewissen und das schlechte der Mitmenschen“ enthält einen wichtigen Hinweis: Der bloße Anblick eines Cargobikes löst bei manchen ein schlechtes Gewissen aus. Denn sie wissen, dass ihr eigenes Auto in Zeiten des Klimawandels eigentlich nicht mehr zu verantworten ist.

Doch statt Verhaltensänderung bewirkt ein schlechtes Gewissen oft Aggression oder Polemiken gegen vermeintliche moralisch überlegene „Gutmenschen“. Cargobiker*innen werden dabei gerne mal pauschal zu besserverdienenden Ökospießer-Yuppies stilisiert, die sich palettenweise fair gehandelte Mandelmilch leisten können, trotzdem SUV fahren und mit ihrer schicken Baugruppe die Gentrifizierung vorantreiben. Vorschlag: Im Alltag auf auf blöde Sprüche gegen Cargobikes eine spontane Probefahrt anbieten. Fahrspaß dürfte die beste Medizin gegen Cargobike-Kritik aus schlechtem Gewissen sein!

Soziologie der Cargobike-Nutzung

Gerade wegen der Bedeutung von Cargobikes als Symbol der Verkehrswende und der Klischees, die über ihre Nutzer*innen bestehen wäre eine umfassende soziologische Analyse über den Zusammenhang von Cargobike-Nutzung, sozialem Status und ökologischer Wertorientierung interessant.

Erste wissenschaftliche Erkenntnisse liefert die repräsentative Sinus-Umfrage für den zweijährlichen Fahrradmonitor des Bundesverkehrsministeriums. Demnach gehören die meisten Cargobike-Interessierten der „spaß- und erlebnisorientierten moderne Unterschicht / untere Mittelschicht“ an, die das Sinus Institut als Mileu der Hedonisten bezeichnet. Klingt irgendwie nicht nach Ökospießer-Yuppies.


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