Anleitungen zum Cargobike Sharing

Im Bundesverkehrsministerium wurde engagiert über Cargobikes in öffentlichen Fahrradverleihsystemen und über Freie Lastenräder diskutiert.

Cargobike Sharing hat Potential. Laut repräsentativer Umfrage des Fahrradmonitor 2017 können 16 Prozent aller Deutschen sich vorstellen, ein Cargobike-Leihsystem zu nutzen. Mit sieben Prozent ist der Anteil derjenigen, die sich den Kauf eines Cargobikes vorstellen können, deutlich geringer.

Das Modellprojekt TINK lud am 26. Oktober 2018 zur Fachtagung Entwicklung und Betrieb von öffentlichen Transportrad-Mietsystemen. Rund 50 Expertinnen und Experten aus ganz Deutschland kamen im Bundesverkehrsministerium (BMVI) zusammen.

Foto: Michelle Platt

TINK hat in seinen Partnerstädten Norderstedt (nördl. von Hamburg) und Konstanz – mit finanzieller Förderung des BMVI – 2016 öffentliche „Transportrad-Mietsysteme“ mit jeweils über 20 Cargobikes aufgebaut (siehe ausführlich im Beitrag TINK macht Schule). 2017 erhielt TINK dafür den Deutschen Fahrradpreis.

Anlässlich der Fachtagung im BMVI wurde der TINK-Ratgeber Transportrad für Alle! veröffentlicht:

Dieser Ratgeber soll Kommunen dabei helfen, Schritt für Schritt ein Transportrad-Mietsystem einzuführen und es von Anfang an bestmöglich an die eigenen Gegebenheiten anzupassen.
Welche Räder sind geeignet? Ist die Integration von Pedelecs sinnvoll? Werden Stationen gebraucht? Wie und vor allem wo sollen sie aufgestellt werden? Wie kann ein Transportrad-Mietsystem finanziert werden?
Für Fragen wie diese bietet dieser Ratgeber eine Entscheidungshilfe. Neben Erfahrungen aus dem TINK-Projekt fließen Erkenntnisse aus anderen Transportrad-Projekten, aus Fahrradmietsystemen sowie aus der Literatur ein.

 

Der TINK-Ratgeber folgt auf das Handbuch zum Start eines freien Lastenrads, das vom Forum Freie Lastenräder Ende 2017 auf dem ADFC-Symposium in Berlin vorgestellt wurde.

Während TINK im Auftrag der Kommunen von kommerziellen Anbietern (nextbike in Norderstedt, Fahrradspezialitäten in Konstanz) betrieben wird und die Ausleihe kostenpflichtig ist, basieren die Freien Lastenräder auf dem Commons-Prinzip.

Nach dem Start von Kasimir – Dein Lastenrad 2013 in Köln entstanden in zahlreichen Städten weitere ehrenamtliche Freie Lastenrad-Initiativen. Mittlerweile gibt es Freie Lastenräder in über 50 Städten in Deutschland und Österreich. Insgesamt rund 200 Cargobikes bieten die lokalen Initiativen meist für ein bis drei Tage am Stück kostenlos zum Verleih. Um eine Spende wird gebeten. Meist erleichtert ein Online-Buchungskalender auf Basis der eigens entwickelten Open-Source-Software Commons Booking den Leihprozess. Bisher war Hannah! Lastenräder für Hannover mit über 20 Cargobikes das größte Freie Lastenrad-Angebot. Kürzlich setzte sich fLotte – Freie Lastenräder für Berlin mit über 35 Rädern an die Spitze. Bei Hannah und fLotte werden neue Räder zunehmend aus öffentlichen Geldern finanziert.

Der Trägerverein der Kölner Freien Lastenrad-Initiative Kasimir machte übrigens im Sommer 2018 bundesweit Schlagzeilen. Er hatte die Nominierung für den deutschen Nachbarschaftspreis aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik von Bundesinnenminister Seehofer zurückgewiesen. Seehofer war bis zu diesem Zeitpunkt Schirmherr des Deutschen Nachbarschaftspreis und trat später von diesem Amt zurück. Am 13. November erhielt der Kasimir-Trägerverein stellvertretend für das Forum Freie Lastenräder den deutschen Mobilitätspreis – im CSU-geführten Bundesverkehrsministerium.

Köln: Kasimir, der Vater aller Freien Lastenräder meets Donk-EE, ein kommerzielles Angebot von Naturstrom.

Doch zurück zur TINK-Fachtagung.

Programm und Diskussion lebte von der Spannung zwischen dem Konzept der Freien Lastenräder und der Integration von Cargobikes in klassische öffentliche Fahrradverleihsysteme. TINK-Projektleiter Marco Walter berichtete, dass er bereits in den 90er Jahren nichtkommerzielle Nachbarschafts-Lastenräder initiiert hatte. Marco Weigert von nextbike merkte an, dass er sich eine Kooperation mit Freien Lastenrad-Initiativen vorstellen könne.

Claudia Hille von der FH Erfurt und vom Freien Lastenrad Ella kritisierte, dass manche Städte sich mit dem Verweis auf bestehende Freie Lastenräder aus ihrer Verantwortung stehlen, anstatt Cargobike-Sharing als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge zu begreifen und zu finanzieren. Der Verhaltenspsychologe und TINK-Projektbeirat Prof. Sebastian Bamberg lobte den „utopischen Gehalt“ der Freien Lastenräder als Beispiel für eine Verkehrswende von unten. Thomas Büermann vom Berliner ADFC und fLotte berichtete, dass dank öffentlicher Gelder mit dem Projekt fLotte-kommunal nun Freie Lastenräder auch gezielt in weniger fahrradaffinen Berliner Außenbezirken angeboten werden können.

Dr. Sophia Becker vom Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam stellte die Ergebnisse einer Befragung von 931 Nutzerinnen und Nutzern Freier Lastenräder in 30 Städten vor. Demnach ersetzte bei 45 Prozent aller Befragten das ausgeliehene Freie Lastenrad die Nutzung eines Autos. (Mehr dazu in dem Forschungsaufsatz Exploring the Potential of Free Cargo-Bikesharing for Sustainable Mobility).

Über die im April 2019 anstehende Integration von 20 (später bis zu 70) eCargobikes in das große Hamburger öffentliche Fahrradverleihsystem StadtRAD berichtete Olaf Böhm von der Hamburger Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation (mehr dazu im Beitrag StadtRAD: Deutsche Bahn goes Cargobike Sharing in Hamburg). Um die Integration von zwei Cargobikes in das studentische Rüsselsheimer Fahrradverleihsystem ging es bei Benedikt Klein vom ASTA der Hochschule Rhein-Main. Und Prof. Sebastian Zug und Tom Assmann von der Uni Magdeburg präsentierten das Forschungsprojekt Transformers: „Transportrad-Sharing 5.0 mittels autonomer Fahrradsysteme“.

Nicht vertreten mit einem Konferenzbeitrag waren kommerziellen Cargobike Sharing-Angebote, die unabhängig von klassischen Fahrradverleihsystemen funktionieren. Ein sehr erfolgreicher Pionier ist hier carvelo2go in der Schweiz. In Köln ist 2017 Donk-EE gestartet und in den Niederlanden 2018 Cargoroo.

Fazit eines spannenden Konferenztages im BMVI: Cargobike-Sharing bietet große Potentiale für die Verkehrswende, wächst schnell und diversifiziert sich. Mit dem TINK-Ratgeber und dem Handbuch Freie Lastenräder stehen interessierten Kommunen, Unternehmen und ehrenamtlichen Initiativen nun praktische Handreichungen für den Aufbau eines eigenes Cargobike Sharing-Angebots zur Verfügung. Auf dass sie zahlreich genutzt werden und das Bundesverkehrsministerium sich weiter hervortut mit Fachtagungen, Preisen und Förderprogrammen für Cargobike Sharing!

Links:


Editorische Notiz: Als cargobike.jetzt war ich Mitglied im TINK-Expertenbeirat, an der Entstehung des Handbuchs freie Lastenräder beteiligt und Referent auf der besprochenen Fachtagung im BMVI.

 

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