Lastenrad-Sharing für jedes Wohnquartier!

Vorreiter Seestadt Aspern in Wien: allen Mieter:innen stehen die Räder seit 2015 ganz einfach über ihre Seestadt-Card kostenfrei zur Verfügung.

Mit Lastenrad-Sharing können Kommunen für wenig Geld viel in Richtung Mobilitätswende bewegen. Ein Plädoyer.

Unser cargobike.jetzt-Kollege Alexander Lutz hat seine Vorträge zu Lastenrad-Sharing in Wohnquartieren beim VCD-Projekt Wohnen und Mobilität und beim DECOMM Kongress zu einem Plädoyer zusammengefasst. Viel Spaß beim Lesen!


Lastenräder sind prädestiniert für die gemeinschaftliche Nutzung in Sharing-Systemen. Beseitigen diese Systeme doch mit einem Schlag beinahe alle Hemmnisse, die der privaten Anschaffung von Lastenrädern oft im Weg stehen: vergleichsweise hohe Anschaffungskosten, Sorge um Diebstahl, fehlender Abstellort und nur sporadische Nutzung. Alles kein Problem, wenn ein Cargobike bei Bedarf unkompliziert und kostengünstig ausgeborgt werden kann.

TINK Lastenräder Mieten

Die Standorte der Ausleihstationen sind dabei von entscheidender Bedeutung. Drei Viertel aller unserer Weg beginnen oder enden laut der Studie Mobilität in Deutschland (MiD) vor der eigenen Haustür. Und genau vor eben diese Tür gehören auch die Leih-Lastenräder.

Großes Verlagerungspotential aufs Lastenrad

Die Verlagerungschancen vom PKW zum Lastenrad stehen sehr gut: jede zweite motorisierte Fahrt in europäischen Städten, bei der Güter transportiert werden, lässt sich laut einer EU-geförderten Studie auf Fahrräder verlagern! Hierbei handelt es sich um Fahrten mit Transportvolumen bis 1 m3, Transportgewicht bis 200 kg und Strecken bis zu 7 km. Hinzu kommen noch Fahrten, bei denen Kinder oder Hunde befördert werden.

51%

… aller motorisierten Transporte sind auf Fahrräder verlagerbar

CycleLogistics Baseline Study, 2013

75%

… aller Wege beginnen oder enden vor der eigenen Haustür

MiD 2017

28%

… können sich vorstellen Lastenrad-Sharing zu nutzen

Fahrradmonitor 2021

Laut dem repräsentativen Fahrradmonitor 2021 können sich 28 Prozent der in Deutschland lebenden 14- bis 69-jährigen die Nutzung von Lastenrad-Sharing vorstellen. Bei der vergleichsweise leicht anzusprechenden Zielgruppe von Mieter:innen und Wohnungseigentümer:innen ist dieser Wert mit gezielten Kampagnen sicher noch zu steigern.

Wohnortwechsel als Chance für die Mobilitätswende

Verhaltenspsycholog:innen sehen insbesondere in der Umbruchsituation des Umzugs eine der seltenen Gelegenheiten, eingeübte Verhaltensmuster aufzubrechen. In dem Moment, in dem die alltäglichen Wege zur Arbeit, zum Sportverein und zur Bibliothek neu festgelegt werden, treffen Mobilitätsbegrüßungspakete, Probeabos und quartiersbezogene Mobilitätstage auf fruchtbaren Boden.

Vorurteile gegenüber Lastenrädern lassen sich letztlich nur durch Ausprobieren und Testfahren abbauen. Hier gilt es, regelmäßige Veranstaltungen unter fachkundiger Anleitung in den Wohnquartieren zu etablieren. All dies fällt in den Verantwortungsbereich der Wohnungsbau- und Immobiliengesellschaften, zahlt jedoch auch positiv auf deren „Image- und Nachhaltigkeitskonten“ ein.

Fachkundige Einweisung und selbst Probefahren sind der Schlüssel zum Umstieg. Fotos: Andreas Lörcher

Öffentliche Verleihsysteme als effektive Stellschraube für Kommunen

Größer noch sind Verantwortung und Handlungsspielräume aufseiten der kommunalen Politik: Sharing-Angebote in allen Mobilitätsfacetten müssen möglichst zeitnah und flächendeckend als Baustandards in Stellplatzsatzungen, Bauordnungen und Ausführungsvorschriften verankert werden. Es muss sich für die Immobilienbranche schlichtweg „rechnen“, Mobilitätsstationen anstatt KFZ-Parkplätze zu bauen! Wenn Kommunen rechtzeitig entsprechende Anreize setzen, ersparen sie sich später die aufwendige Suche nach Sharing-Standorten im öffentlichen Raum.

Zunächst nur den Mieter:innen des umliegenden Quartiers vorbehalten – der Düsseldorfer Lastenrad-Automat. Foto: WDR

Lastenrad-Sharing kann unterschiedlich organisiert sein. Über kommerzielle Anbieter, nach dem Prinzip der nichtkommerziellen Bewegung der freien Lastenräder oder als öffentliches kommunales Verleihsystem. Letztere begreifen Lastenrad-Sharing wie den ÖPNV als Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge. Kommunen mit öffentlichen Lastenrad-Verleihsystemen haben sich im TINK Netzwerk zusammengeschlossen und teilen bereitwillig ihre Erfahrungen.

Hinsichtlich der Fahrzeuge stehen einfaches Handling und Robustheit ganz vorne an. Sichere Kinderbeförderung sollte als Option immer möglich sein! Dass einige deutsche Anbieter aus Haftungsgründen darauf verzichten ist bedauerlich. Ein niederländischer Sharing-Anbieter hat dagegen auch in Deutschland standardmäßig Babyschalen-Halterungen an seinen Lastenrädern.

Bestellt und schlüsselfertig geliefert – die Lösungen sind bereits marktreif verfügbar. Fotos: Sigo & Donau Donkeys

Best-Practice-Beispiele und Erfahrungswerte sind ohnehin ausreichend vorhanden und es bedarf keiner weiteren Pilotversuche mehr. Dem flächendeckenden Roll-out von Lastenrad-Mietsystemen steht eigentlich nichts mehr im Weg. Oder um es mit einem fossilen Esso-Werbeslogan aus den 80ern zu sagen: „Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an!“


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