Medien und Hersteller preisen Cargobikes oft als Ersatz für das Zweitauto in der Familie. Ist das korrekt?

Erfahrungen des Projekts E-Bikes for Families in Helsinki sprechen dagegen. Seit 2018 erhielten zahlreiche Familien im Rahmen des Projekts Testmöglichkeiten von eCargobikes. Erklärtes Ziel des Projekts: „to encourage families to adopt e-bikes to eliminate the need for a second car.“

Teilnehmerin des Projekts „E-Bikes for Families“ in Helsinki. Die unterschiedlichen Testräder wurden vom Cargobike-Händler Kultaiset Pojat Oy in Espoo gestellt. Photo: Helsinki Region Environmental Services Authority (HSY)

In einem ersten Resümee heißt es auf der Projektseite:

[M]ost of the cars that were replaced with e-bikes in the last year were not second family cars, but rather the family’s only cars. […]
Somewhat surprisingly, it is much easier for many families with one car to sell their only car than for families with two cars to sell the family’s second car. In the former case, selling the family’s only car is a mutual decision of the whole family. In the latter case, the decision to sell the second car affects some family members to a greater extent than others, as the “second car” is usually a car for the wife who would lose her mobility freedom were the second car to be sold.

Das klingt auch aus einem weiteren Grund plausibel: Wenn eine in der Stadt wohnende Familie zwei Autos besitzt dann ist deren Auto-Affinität wahrscheinlich vergleichsweise groß. Und je größer die Auto-Affinität, desto geringer dürfte das Interesse am Ersetzen eines Autos durch ein Cargobike sein.

Trotzdem werden Medien ihre Cargobike-Artikel wohl weiterhin auf die Frage zuspitzen, ob Cargobikes ein Zweitauto ersetzen können. Das ist als Startpunkt für eine Diskussion mit Autobesitzer*innen auch völlig legitim.

Für viele Cargobike-Familien wirkt die naive Frage nach der Ersetzbarkeit eines Autos (egal ob des einzigen oder des zweiten) jedoch kurios bis absurd – zumindest in Städten. Auf den Punkt bringt das der Kölner ADFC-Vorsitzende Christoph Schmidt in seiner Reaktion auf einen Beitrag der Süddeutschen Zeitung: „Nein, ein Auto kann mein Lastenrad nicht vollständig ersetzen.

Was übrigens Familien mit Cargobike besonders oft beschäftigt: Welches Zweit-Cargobike sollen wir uns anschaffen? Denn Cargobikes werden im Familienalltag schnell unersetzbar. Aber die Wegstrecken, Transportbedürfnisse und Fahrstile von zwei Elternteilen unterscheiden sich meist oder ändern sich im Laufe der Zeit – zum Beispiel wenn ein zweites oder drittes Kind hinzukommt oder die Kinder nach und nach ihr eigenes Fahrrad fahren. Da macht dann oft ein Zweit-Cargobike Sinn.

Einen schönen Erfahrungsbericht über ihren Autoausstieg und die Freude an Cargobikes hat die Familie Nippgen aus Aachen geschrieben. Aber keine Sorge: nicht jede Familie, die ihr Auto durch ein Cargobike ersetzt eröffnet anschließend gleich ein Cargobike-Geschäft!

Auch aus dem E-Bikes for Families-Projekt in Helsinki gibt es Videoportraits von Cargobike-Testfamilien – alletrdings auf Finnisch. Hier ist eines mit englischen Untertiteln:


Hintergrund

E-Bikes for Families ist ein Projekt der finnischen Metropolregion Helsinki. Es gehört zum länderübergreifenden Projekt BSR Electric – Fostering e-mobility solutions in urban areas in the Baltic Sea Region, das im Rahmen des INTERREG Ostseeprogramms der EU gefördert und von der Hamburg University of Applied Science koordiniert wird.

Das ebenfalls EU-finanzierte CityChangerCargoBike-Projekt (CCCB) bietet ein Handbuch Transporting Children on the Family Bike in neun europäischen Sprachen. cargobike.jetzt ist seit Anfang 2020 Partner des CCCB-Projekts.